ICO und Kryptowährungen – Eine Einführung von Herrn Malcolm Tan, Singapur

Herr Tan ist der Gründer einer Kanzlei in Singapur mit internationaler Ausrichtung. Die Kanzlei ist insbesondere auf die Bereiche Unternehmensregistrierung, ICO-Beratung, Lizenzrecht und Rechtsgeschäfte im Zusammenhang mit Kryptowährungen spezialisiert.

(Übersetzung des Interviews in Englisch)

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Herr Tan, ich danke Ihnen für Ihre Zeit. Als Einstieg möchte ich gerne mit Ihrem Start in das Rechtswesen beginnen. Wie lange praktizieren Sie schon als Anwalt?

Ich habe die Anwaltsprüfung im Jahr 2000 erfolgreich absolviert. In der Folge arbeitete ich als Prozessanwalt, kombiniert mit einer Tätigkeit als Unternehmensjurist. So war ich zum Beispiel mehrere Jahre als Inhouse Counsel bei Infineon tätig. Daneben war ich auch als Inhouse Counsel für diverse andere Unternehmen tätig.

Hat sich in der Anwaltsbranche etwas verändert, seit Sie als Anwalt tätig sind?

Ja. Durch die jüngste Corona-Situation hat sich vieles digitalisiert. Wir hatten beispielsweise Online-Zoom-Anhörungen, anstatt physisch vor Gericht zu erscheinen.

Auch hat sich das Arbeitstempo in Singapur stark erhöht. Alles und jeder arbeitet schneller. Ich habe letzte Woche mit einem erfahrenen Kollegen gesprochen. Er sagte, dass er vor 20 Jahren einfach vor Gericht gehen und alles problemlos bewältigen konnte. Hingegen sei es heutzutage eine Herausforderung sei, Schritt zu halten. Er geht in den Gerichtssaal und spricht mit den jungen Gerichtsschreibern und den Richtern. Gefühlt sei die junge Generation ständig ein Gedanke voraus und warte darauf, dass er seinen Satz beendet.

Auch die Digitalisierung hat die Arbeitsweise enorm verändert. Hinzu kommt, dass es sich um eine internationale – eine globale Wirtschaft handelt. Ich praktiziere ziemlich viel internationales Recht. Die meisten meiner Mandanten kommen eigentlich aus dem Ausland.

Was sind häufige Fragen oder Themen, bei denen Ihre Mandanten juristische Hilfe benötigen?

Wir haben zum Beispiel gerade vier Rechtsgutachten für Singapur erstellt, weil viele Kunden Lizenzen bei der Zentralbank von Singapur beantragen möchten. Unlängst haben wir auch Mandate geführt, in denen die Klienten jemanden verklagen wollen. Ausserdem haben wir einige Anträge auf Erteilung einer Lizenz bei der Zentralbank in Singapur gestellt. In diesen Fällen geht es um Lizenzen für E-Money oder Geldwechsler-Überweisungslizenzen.

Singapur konzentriert sich nun sehr stark auf den Bereich der digitalen Zahlungsmarken. Kryptowährungen wie Bitcoin werden in Singapur jetzt als Zahlungsmittel behandelt. Daher bewerben sich jetzt viele Unternehmen um diese Lizenzen. Deshalb sind wir derzeit auch sehr stark in diesem Bereich tätig.

Ich habe auf Ihrer Website gelesen, dass Sie mit ICO vertraut sind. Was ist ein ICO?

Ein ICO ist ein erstes Coin Offering. Im Grunde ist es eine Abwendung vom gewohnten Finanzplatz zu einem neuen, bei dem nunmehr digitalisierte Wertmarken verwendet werden. Wenn Sie schon einmal von Bitcoin gehört haben, ist das eine digitale Krypto-Währung. Nun kann ein neues Geschäftsprojekt eine Art Währung entwerfen, um Geld zu beschaffen.

Ein einfaches Beispiel wäre die Gründung einer Fluggesellschaft: Das Flugmeilenprogramm kann in seinem Ökosystem leicht in eine Krypto-Währung umgewandelt werden. Was Sie jetzt tun können, ist, Geld für die Neugründung zu sammeln und die Wertmarken vorab zu verkaufen. Es ist also wie der Verkauf der Flugmeilen. Und wenn die Leute den Jeton kaufen, der im Prinzip wie eine Flugmeile ist, können sie ihn dann gegen Flüge oder andere Dinge im Ökosystem eintauschen. Das Interessante daran ist, dass sie es untereinander tauschen können. Mit anderen Worten, das gesamte Ökosystem dieses Geschäfts kann liquide werden. Sie können all diese Güter auf einer Austauschsplattform aus gelisteten Wertmarken eintauschen; es hat also ein Eigenleben.

Ein weiteres Beispiel ist Starbucks; Starbucks ist überall auf der Welt vertreten und gibt seine eigene Währung heraus. Oder hören Sie sich folgendes an: Vor drei Jahren hat Burger King in Russland eine eigene Währung herausgegeben. Wenn Sie zu Burger King gehen, erhalten Sie ein Burger-King-Token.

Dieser ganze Mechanismus ist also eine sehr interessante Sache für Start-ups. Der ICO-Raum ist wie ein globales Crowdfunding. Crowdfunding ist in Europa sehr beliebt. Als Richtwert können Sie davon ausgehen, dass mit Crowdfunding normalerweise zwischen 50’000 und 1 bis 2 Millionen Euro gesammelt werden. Eine ICO kann jedoch zwischen 5 Millionen bis 100 oder 200 Millionen Dollar sammeln. Beim grössten ICO kamen – soweit ich weiss – sogar 4,2 Milliarden Dollar zusammen. Das ist faszinierend, oder nicht?

Das macht in der Tat einen Unterschied. Ist Singapur ein guter Standort für die Gründung eines ICO?

Ja, sehr gut sogar. Wir haben zum Beispiel einen Kunden aus den Niederlanden, der jetzt versucht, nach Singapur umzuziehen. Der Grund dafür ist, dass die europäischen Banken sehr hohe Anforderungen an AML und CFT haben. Nehmen wir zum Beispiel diesen speziellen Kunden von mir: Um Geld von seinem europäischen (niederländischen) Bankkonto nach Singapur zu überweisen, bedurfte es der Überwindung einiger Hürden. Die Überweisung von Bitcoin, veranlasste er bei einer Bank in Lichtenstein, die sich als „kryptofreundlich“ bezeichnen. Aber es dauerte dennoch Monate, sein eigenes Geld von der Bank abzuheben. Was für eine Ironie. Die Bank vertröstete meinen Kunden immer wieder damit, dass sie immer noch AML und CFT prüften. Es hat ein wenig den Anschein, als würde er bei der Bank Geld deponieren und müsste darauf hoffen, dass er es eines Tages zurückerhält.

Das kommt mir nur allzu bekannt vor. Es ist in der Tat fragwürdig, aber leider typisch für das europäische Bankwesen.

Ich habe gerade am Wochenende mit jemandem aus dem Vereinigten Königreich gesprochen. Wir sprachen über das Bankwesen, und er sagte mir, dass der Prozess, um etwa 5’000 Pfund zu überweisen, einer Herkulesaufgabe gleicht. Das Bankensystem könnte nun jedoch mit Kryptowährungen eine grosse Veränderung erfahren.

Im Vergleich dazu ist Singapur viel freundlicher. Singapur war in den letzten drei bis vier Jahren unter den ersten drei oder fünf wichtigsten Standorten für Kryptowährungsprojekte. Hinzu kommt, dass wir jetzt ein neues Gesetz haben. Davor war es in Singapur ein unreguliertes Geschäftsfeld. Es war jedoch nicht illegal, nur nicht offiziell reguliert. Doch jetzt haben wir auch eine rechtliche Grundlage für Kryptowährungen, insbesondere wenn es um große Geldtransfers, Investitionen und allgemein um alle Geschäfte geht, die mit Kryptowährung abgewickelt werden.

Nur um das klarzustellen: Das neue Gesetz sieht keine Einschränkungen vor und reguliert lediglich, was die Wirtschaft bis anhin getan hat?

Vor dem Inkrafttreten des neuen Gesetzes konnte ein Freund Sie bitten, für ihn mit einer bestimmten Währung zu handeln. Dafür gab er Ihnen eine Provision. Jetzt brauchen Sie eine Lizenz, um Händler zu sein. Aber die Möglichkeit und die Einfachheit, Geld zu überweisen, sind gleichgeblieben.

Zum Beispiel hatte ich heute einen Kunden aus dem Ausland, der mich für die Erstellung eines Rechtsgutachtens mandatiert hat. Wir wussten nicht, wie hoch die Bankgebühren für die Geldüberweisung sein werden. Also einigten wir uns darauf, die Summe der Anwaltskosten aufzurunden und dass ich die Differenz des tatsächlichen Honorars mit Bitcoins ausgleichen werde. All dies war in wenigen Minuten erledigt. Ich darf gar nicht an die Formalitäten und das Verfahren denken, wenn diese Transfers in Europa stattfinden sollen.

Was würden Sie sagen, was Singapur von anderen asiatischen Ländern unterscheidet?

Singapur gilt als eines der wichtigsten Finanzmärkte der Welt. Insgesamt sind da New York, London, Schanghai, Hongkong und wie gesagt, Singapur; das sind die fünf führenden Länder. Und Singapur ist eines der wenigen Länder, in denen der Osten auf den Westen trifft. Singapur ist das finanzielle Herz der Süd-Ost-Region. Viele Hauptquartiere sind in Singapur angesiedelt. Auch Japaner haben ihre globalen Hauptstandorte in Singapur und verfügen sodann über Heimatbüros in Japan. Dasselbe gilt für viele koreanische oder chinesische Unternehmen, die von einem Hauptstandort in Singapur und einer Zweigstelle in ihrem Heimatland profitieren.

Der Grund dafür ist, dass es viel einfacher ist, hier Geschäfte zu machen. Wir haben eine sehr offene Wirtschaft, einen offenen Finanzbereich und einen multilingualen Standort. Ausserdem ist Singapur eines der am wenigsten korrupten Länder weltweit.

Wie kann ich als Ausländer mein eigenes Unternehmen in Singapur gründen?

Tatsächlich haben wir viele Kunden aus Übersee, die ein Unternehmen in Singapur gründen wollen. Normalerweise können wir das an einem Tag erledigen. Wir müssen nur Ihren Reisepass überprüfen und das KYC durchführen. Sobald wir das Geld erhalten haben, können wir im Anschluss das Unternehmen in einem Tag gründen.

Wir haben zum Beispiel einen Klienten aus dem Ausland, der mit Metallen handeln wollte. Also stellten wir die erforderliche Handelslizenz zur Verfügung und richteten ein Einfamilienbüro in Singapur ein. Zusätzlich registrierten wir dort einige dazu benötigten Unternehmen. Er war mit dem Ergebnis so zufrieden, dass er uns allen seinen Freunden empfahl. Natürlich gründeten wir auch seine Unternehmen an einem Tag.

Können Sie mir einen kurzen Überblick über das Steuersystem in Singapur geben?

Das Steuersystem in Singapur ist für Investoren und vermögende Menschen sehr attraktiv. Wir haben ein sehr progressives Steuersystem, insbesondere eine Null-Kapitalgewinnsteuer. Das bedeutet, wenn Sie Ihr Geld nach Singapur bringen und in etwas investieren, erhalten Sie keine Null-Kapitalgewinnsteuer. Jedoch können Sie Handel betreiben, und wenn es nicht Ihre Hauptgeschäftstätigkeit ist, dann bezahlen Sie für dieses Geschäft keine Steuern.

Bringen Sie zum Beispiel eine Million Dollar nach Singapur und kaufen Sie Aktien; nehmen wir an, dass Sie aus diesen Aktien einen Gewinn von 100’000 Dollar erzielen. Auf diese 100’000 Dollar bezahlen Sie dann keine Steuern.

Die Waren- und Dienstleistungssteuer beträgt hier 7% und die Unternehmenssteuer kann bis zu 17% betragen. Die Einkommenssteuer von Individuen kann bis zu 20% betragen. Bei einem niedrigeren Einkommen beträgt sie indes fast null Prozent. Je mehr Sie verdienen, desto höher sind die Steuern (bis zu 20%).

Wie kann ich eine Daueraufenthaltsgenehmigung erhalten? Was sind die Voraussetzungen?

Auch dies ist ein sehr häufiges Anliegen. In der Regel erhalten unsere Klienten eine Arbeitsgenehmigung. Nach drei Jahren Arbeitstätigkeit in Singapur, von welcher Sie die Hälfte der Zeit in Singapur verbracht haben müssen, können wir für Sie eine Daueraufenthaltsgenehmigung in Singapur beantragen. Die andere Möglichkeit ist beispielsweise einen Staatsangehörigen oder eine Staatsangehörige von Singapur zu heiraten.

Wir kommen nun zum letzten Thema, dem Strafrecht in Singapur. Es ist bekannt, dass Singapur eine der niedrigsten Kriminalitätsraten weltweit hat. Ich möchte mir ein Bild von den Unterschieden zwischen den Folgen in Singapur im Vergleich zur Schweiz machen. Zum Beispiel: Wer kleine Abfälle wegwirft, wird mit einer Geldstrafe belegt. In der Regel beläuft sich die Geldstrafe auf einige hundert Dollar. Was könnten die Konsequenzen in Singapur für dieses Vergehen sein?

Singapur nennen wir auch die Stadt der Geldstrafen. Denn man erhält dem Anschein nach für alles eine Geldstrafe.

Herr Tan lächelt.

Um Ihre Frage zu beantworten: Wir haben auch ein gutes System und ein ordentliches Regime. Um konkret zu sein: Wenn man wegen Littering erwischt wird, kann man eine Geldstrafe erhalten. Ausserdem kann man gezwungen werden, Dienstleistungen zu Gunsten der Öffentlichkeit zu erbringen. Zum Beispiel müssen Sie an den Strand gehen und Müll aufsammeln.

Ich verstehe, also beinhaltet das Strafrecht auch eine erzieherische Massnahme.

Ja, ich denke auch, dass das Gesetz hier in Singapur sehr gut durchgesetzt wird. Diesen Eindruck haben auch Menschen aus dem Ausland. Es ist dieses Rechtssystem, welches der Sicherheit und Ordnung in Singapur zum Durchbruch verhilft.

Der einzige Ort auf der Welt, der wahrscheinlich noch sicherer ist, ist Japan. In Japan kann man sein Auto unverschlossen auf der Strasse stehen lassen, ohne dass es jemand stehlen wird. In Singapur würde ich das nicht empfehlen. Dennoch hat Singapur nach wie vor eine der niedrigsten Kriminalitätsraten der Welt. Und ich höre immer wieder, dass Menschen hierzulande keine Angst davor hätten, mitten in der Nacht aufstehen und um 3 Uhr morgens durch die Strassen zu gehen.

Herr Tan, bevor wir das Interview abschließen, würde ich gerne wissen, welches Talent Sie gerne besitzen würden?

Die Fähigkeit, in der Zeit zu reisen. Ich würde gerne verschiedene Zeitperioden erleben. Wir kennen die Gegenwart, aber wir wissen nicht, wie es in der (weiteren) Vergangenheit war oder wie es in der Zukunft sein wird – und ich würde es gerne wissen. Also, Zeitreisen.

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